Lebens-/Reisegeschichten von Pflegeheim-Bewohnenden auf der Bühne

Die Premiere der Bühnenaufführung von "Meine schönste Reise" mit Theaterprofis und Bewohnenden des Seniorenzentrums Spitalhof Münchingen ist ein mitreißendes Ereignis. Im Rahmen des Seniorennachmittags der Gemeinde findet diese bewegende Aufführung am 23. Oktober im Münchinger Kulturzentrum Widdumhof statt.

Der "Rückblick voller Lebendigkeit und Abenteuer" - so die Ankündigung der Regisseurinnen und Schauspielerinnen Ulrike Kirsten Hanne und Gudrun Remane - löst Begeisterung beim Publikum aus. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. "Meine schönste Reise" nimmt die Anwesenden mit an unterschiedliche Reiseorte von 13 Pflegeheimbewohnenden. Die Erzählungen werden wirkungsvoll begleitet von einem schlichten Bühnenbild mit Bildprojektionen, Dekorationen und Live-Musik.

Eigentlich erzählen die Protagonist*innen, ermuntert durch Frau Remane und Frau Hanne als Reisebegleiterinnen, nicht nur einzelne Reisegeschichten, sondern aus ihrem Leben. Und diese Leben sind sehr vielfältig, bunt und fesselnd. In passender Kostümierung treten die Damen und Herren auf. Jeder Auftritt ist geprägt von Stolz und Würde, die Bewohnenden stehen im Rampenlicht. Der ganze Saal lauscht ihren Lebensgeschichten. Die Musik-Combo mit Volker Nissen und Christiane Hähnle bilden gekonnt den musikalischen Rahmen und spielen auch selbst im Bühnengeschehen mit. 

Frau Grögler ist die Erste. Sie erzählt von ihrer Brasilienreise mit ihrem Mann. Die Reise verlief anders als geplant. Durch einen Überfall gleich am ersten Tag hinter der Christusstatue von Rio verbrachte das Paar einen ganzen Tag auf dem Polizeirevier. Karnevalesk geschmückt mit Palmwedeln verlässt sie das Rampenlicht. Es folgen bunte Geschichten z. B. der ständigen Wanderin Frau Trippel, der Sirtaki liebenden Griechenlandreisenden Frau Blawid. Der "europäischen Holländerin" Marian Breuning folgt Elfriede Heck. Ganz bodenständig erzählt sie von den Aufenthalten bei ihrer Tante im Schwarzwald, für sie trotz Arbeit und Zöpfeflechten glückliche Zeiten auf dem Lechlerhof. Mit schmuckvollem Kranz im Haar erinnert sie sich lachend an diese Zeit.

Frau Frohmaiers Leben war geprägt von klassischer Musik. In Schweden, erzählt sie, war sie jeden Abend in der Königlichen Oper in Stockholm. Am Abend ging's dann in den Opernkeller. Da saß sie am Tisch zusammen mit König Carl-Gustav. Der war damals noch Kronprinz; sie haben sich auf Englisch unterhalten. Frau Krügers Hochzeitsreise mit der Vespa an den Chiemsee ist eine Liebeserklärung an ihren Mann. "Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür", bekennt sie. 

Gudrun Remane freut sich auf den nächsten Reisenden: Anton Riedinger, 100 Jahre ist der zierlicher Mann. Er erzählt gerne aus seinem Leben auf dem Bauernhof. Lebhaft schildert er das Füttern der Kühe. Mit Leckerbissen wie Maiskörnern, gehackten Rüben und Kürbissen habe er sie verwöhnt. Als Schneider ausgebildet, hat er das hübsche Wamst, das er trägt, selbst geschneidert. Aber er kann noch mehr. Wenn seine Frau verreist war, hat er gekocht und Strudel gebacken. Und eigentlich hat er noch viel mehr zu erzählen. Ganze vier Interviews von eineinhalb bis zwei Stunden habe es gebraucht, seine Geschichte aufzunehmen, sagt Gudrun Remane. Noch im Abgang aus dem Rampenlicht erzählt er weiter.  

Den Abschluss macht der vielgereiste und jetzt im Festanzug herausgeputzte Herr Balghuber. Als Tontechniker hat er eine spektakuläre Reise mit Schiff nach Australien unternommen, wo er half, Kabel für das neue Opernhaus zu verlegen. Zur Eröffnung wurde Beethovens Neunte gespielt, Queen Elizabeth kam und Tausende von Luftballons stiegen in den Himmel.

Es ist eine fulminante Premiere im Widdumhof mit so vielen aufregenden Lebensgeschichten, die berühren, Neugier, Respekt und auch Liebe bei den Zuschauenden erzeugen. Dieses Theaterspiel mit Bewohnenden des Spitalhofs ist möglich geworden, weil viele engagierte Menschen mitgeholfen haben: Mitarbeitende des Spitalhofs unter Leitung von Patricia O'Rourke sowie der Förderkreis unter Leitung von Dr. Koblinger. Dank gebührt ebenso der Stiftung der Kreissparkasse Ludwigsburg, der Otto F. Scharr-Stiftung, der Christa-Maria Strauch-Stiftung, der Stupor Mundi Stiftung. Alle haben mitgeholfen, diese Produktion der Werkstatt Bühne (Ulrike Hanne) und der Theaterinitiative "Nah und Fern" (Gudrun Remane) mit Menschen mit und ohne Demenz auf die Bühne zu bringen.