Heiraten - interkulturell beleuchtet

Das "Cafe International" findet bereits das vierte Mal im Seniorenzentrum Spitalhof Münchingen statt. Zu Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag treffen Senioren aus dem Haus auf junge Menschen aus anderen Kulturen. Der moderierte Austausch offenbart kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Diesmal steht das Thema Heiraten im Gesprächsmittelpunkt.

Die Anmoderation übernehmen Birgit Klein und Elke Müller vom Verein Interferenzen, die diese Treffen als gemeinnütziges Projekt gemeinsam mit dem Spitalhof Münchingen der Evangelischen Altenheimat zum Tag der Vielfalt 2018 initiiert haben. Die teilnehmenden Spitalhof-Bewohnerinnen Frau Kern, Frau Stoll und Frau Böttcher lauschen gespannt den Berichten der jungen Teilnehmer aus den Ländern Argentinien, Iran, Syrien und Griechenland.

Da Victoria aus Argentinien, die heute als Architektin in Stuttgart arbeitet, gerade erst vor zwei Wochen in ihrem Heimatdorf in Argentinien Hochzeit gefeiert hat, erzählt sie als Erste. Im kleinen Familienkreis hat die Hochzeit im Restaurant mit Bürgermeister stattgefunden. Zu essen gab es Empanadas, landestypische mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Die Hochzeiten der Seniorinnen, deren Ehemänner nicht mehr leben, waren auch eher pragmatisch. Frau Kern erinnert sich z.B. an die wärmende Angoraunterwäsche unter dem leichten Hochzeitskleid. Für eine andere Teilnehmerin war es eine Vernunfthochzeit und von daher eher unspektakulär.

Youssef aus Syrien, der selbst nicht verheiratet ist, erzählt von der Hochzeit seiner Schwester mit ca. 500 Gästen. Während man in Syrien in den Städten eher modern heiratet, fällt die Feier auf dem Land noch traditionell aus und dauert ganze drei Tage. Verwandte, Nachbarn, Freunde werden eingeladen, Musik wird live gespielt, es wird getanzt. Der Bräutigam organisiert den Sänger oder den DJ. Schwierig wird es, wenn die Partner unterschiedlichen Glaubens sind, z.B. christlich und msulimisch. Dann bleibt nur der Weg ins Ausland, in den Libanon oder die Türkei, um zu heiraten.

Hochzeiten im Iran - so weiß Helia aus Teheran zu erzählen - fallen je nach Gläubigkeit eher traditionell als getrennte Feiern von Frauen und Männern oder aber in weniger gläubigen Familien als gemeinsames Fest aus. In Teheran gehört ein weißes Brautkleid dazu, und gerne wird Tango getanzt. Mit Spannung verfolgen die Gesprächsteilnehmer/innen Helias Auskünfte zur Situation der Frauen im heutigen Iran. Es ist in den Städten heute vieles möglich, sogar dass Frauen mit Männern ohne Trauschein zusammenleben, auch wenn es offiziell verboten ist. Die Frauen sind wesentlich freier und unabhängiger in ihrer Lebensgestaltung als noch vor zehn Jahren.

Auch in eropäischen Kulturen wird auf dem Land ausgiebig gefeiert. Evangelia Belli aus Griechenland, die seit 35 Jahren verheiratete Mitarbeiterin im Spitalhof, berichtet, dass in ihrer Heimat das ganze Dorf mitfeiert, man von Haus zu Haus zieht und ungefähr eine Woche mit Feiern verbringt.

Der Nachmittag verläuft wieder einmal äußerst lebhaft und kurzweilig. Binnen kurzem befinden sich alle im eifrigen Austausch. Für die Gäste ist es zudem ein willkommener Beitrag zur Sprachpraxis im Deutschen.